Rezensionen






Abgesehen von einigen Kurzrezensionen, die ich seinerzeit für die Zeitschrift Kaissiber geschrieben habe, sind in den letzten 15 Jahren lediglich zwei Rezensionen veröffentlicht worden, die unter meiner Mitwirkung entstanden sind. In beiden Fällen war Dr. Michael Negele (Wuppertal) als Koautor mit von der Partie:

 

 

Rezension zu
Wolfgang Kamm: Siegbert Tarrasch – Leben und Werk
(Unterhaching 2004):

Ralf Binnewirtz, Michael Negele:
Helles Licht wirft scharfe Schatten
eine ultimative Tarrasch-Biographie?
Erschienen in KARL 4/2004, S. 62-63.

    

 

 

Rezension zu
Luca D'Ambrosio: Die internationalen Schachturniere
zu Meran 1924 und 1926
(Bozen 2014)

Ralf Binnewirtz, Michael Negele:
Erlesene Geschichte(n) V: Meran 1924 und 1926
in Schach Deutsche Schachzeitung 10/2014, S. 40-42


 



Eine weitere Rezension entstand Mitte 2017, sie ist nachstehend wiedergegeben.


Ein schachbegeisterter Chemiker schreibt
über einen geistesverwandten Kollegen ...

Eine Buchbesprechung
von Ralf Binnewirtz ©

zu

Eva Regina Magacs, Michael Negele:
Paul Felix Schmidt – A Winning Formula

 


 

Die meisten Schachfreunde werden vernachlässigbar wenig wissen über das wechselhafte Leben des deutsch-estnischen Schachmeisters Paul Felix Schmidt (1916-1984, IM-Titel 1951), der nach seiner Emigration 1952 in die USA das Wettkampfschach zugunsten einer Industriekarriere als Chemiker aufgab. Die hier vorgestellte Neuerscheinung verspricht im Hinblick auf diese verbreitete Unkenntnis gründliche Abhilfe. Aber der Reihe nach ...

Als ich vor einigen Tagen das brandneue Werk des vorstehend genannten Autorengespanns erstmals in den Händen hielt, war ich direkt angetan von der vorzüglichen Ausstattung und Gestaltung des Buches. Gebunden in ansehnlichem mittelblauen Leinen sowie auf Vorderdeckel und Rücken beschriftet in silbernen Lettern, ist es eingehüllt in einen attraktiven Schutzumschlag, der den Betrachter mit diversen Fotos, Zeichnungen und informativen Klappentexten (diese ausschließlich in Englisch) anspricht. Ansonsten liegen die zentralen biografischen Kapitel durchweg zweisprachig in Englisch/Deutsch vor, wobei der englische Part »A Winning Formula« (in der Übersetzung von Eva Regina Magacs) dem deutschen Teil »Meisterhaftes aus der Retorte« vorangestellt ist hier klingt bereits Paul Schmidts beruflicher Werdegang als Chemiker an. Der vorletzte Teil des Buchs (vor dem Anhang) enthält eine Auswahl von zwölf kommentierten Schmidt-Partien, die Anmerkungen entstammen zeitgenössischen, überwiegend deutschen Schachzeitungen. (Daher taucht hier noch die alte deutsche Rechtschreibung auf.) Bei den Partien sind die deutschen Kommentare und die zugehörigen englischen Übersetzungen direkt hintereinander gesetzt, indes durch unterschiedliche Schriftarten differenziert: Für den englischen Text wird übrigens im gesamten Buch eine serifenlose Schrift verwendet, so dass der Leser schon bei oberflächlicher Betrachtung des Textes beide Sprachen leicht erkennen kann.

Gestattet sei mir eine kurze Bemerkung zum Layout des Buchs, ein Aspekt, dem ich wohl einen höheren Stellenwert beimesse als manch anderer Rezensent. Der in der deutschen Schachszene wohlbekannte Typograf und Designer Ulrich Dirr (www.art-satz.de) hat hier eine vorbildliche Arbeit geleistet und eine ausgewogene, harmonische Präsentation von Text und Bild geschaffen. Damit hat die (generell vorrangige) hohe inhaltliche Qualität des Buchs dies sei hiermit vorweggenommen ihre adäquate Entsprechung in einer qualitativ hochwertigen Gestaltung gefunden. Dies dürfte nicht nur die Lesebereitschaft und -freude merklich fördern, für den Sammler wird auch der Anreiz zum Erwerb des Buches steigen.

In diesem Kontext ist die opulente Bebilderung mit zahlreichen, historisch seltenen bzw. bislang unbekannten Fotos und Dokumenten besonders hervorzuheben. Diese Bebilderung ist vielfach von einer erstaunlich hohen Qualität, U. Dirr hat auch hier substanzielle Optimierungsarbeit investiert. Die Abbildungen im englischen und deutschen Teil sind allesamt unterschiedlich, so dass Leser gleich welcher Sprachpräferenz das gesamte Buch durchgehen sollten, um die Bebilderung vollständig zu erfassen und zu würdigen. Dass dieser reichhaltige Fundus einzigartiger Illustrationen Eingang ins Buch finden konnte, ist zu weiten Teilen der Tochter von Paul F. Schmidt, Eva Regina Magacs, zu verdanken, deren Familienarchiv sich als wahres Schatzkästlein erwies. Die auf "wundersame Weise" zustande gekommene Bekanntschaft von Michael Negele mit der Familie Magacs in den USA hat sich damit als der folgenreichste Glücksfall im Verlauf des Buchprojekts entpuppt. (Über den Besuch von Michael Negele und Bob van de Velde bei Regina und Jim Magacs im ländlichen Teil des Staates New York wurde auf der KWA-Website kurz berichtet, siehe www.kwabc.org/....) Durch die nachfolgend einsetzende Zusammenarbeit und mit den von Regina Magacs zur Verfügung gestellten Informationen und Bildern konnte die Biografie auf ein neues, vorher nicht vorstellbares Niveau gehoben werden.

 

Schutzumschlag mit den Klappentexten
größeres Bild

 

Wenden wir uns den rein biografischen Teilen des Werks zu. Hier hat sich Michael Negele keineswegs darauf beschränkt, eine Biografie des Titelhelden anzufertigen, vielmehr beginnen seine Ausarbeitungen (im Kapitel »Menschen und Schicksale aus dem alten Livland« / »People and Destinies from Old Livonia«) mit dem Urgroßvater von Paul Schmidt, Gustav Max Schmidt (1810-1874), der eine Erziehungsanstalt für Knaben im livländischen Fellin gründete und führte. Auf die weitere Linie bis zu Paul Schmidt sowie auf einzelne Koryphäen der Wissenschaft in der weitläufigen Verwandtschaft soll hier nicht näher eingegangen werden, die überwältigende Fülle der recherchierten Details ist in diesem Rahmen nicht vermittelbar. Nebenher weiß der Autor durch gelegentliche historische Exkurse ein Bild der damaligen politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse zu zeichnen, wo es opportun erscheint. Viele der im Text genannten Persönlichkeiten des Schachs, aber auch der Wissenschaft, werden in Kurzbiografien vorgestellt, die in hellgrau unterlegte Textkästen ausgelagert wurden: eine sinnreiche Maßnahme, um den Textfluss des umgebenden Haupttextes nicht zu unterbrechen. Sicherlich wird mancher Leser bei der Lektüre gern auf die Ahnentafel (S. 129 im Buch) zurückgreifen, die sich über acht Generationen erstreckt und m.E. eine unverzichtbare Orientierungshilfe darstellt.

Einen weiteren interessanten Befund will ich nicht unterschlagen: Die oben erwähnte Fellinsche Erziehungsanstalt hat sich auch als eine Keimzelle des livländischen Schachs erwiesen, aus der namhafte Meister hervorgegangen sind ich nenne nur Friedrich Amelung und Viktor Knorre. Auch der Großvater von Paul Schmidt wurde hier mit dem Schachvirus infiziert es übertrug sich erfolgreich über dessen Sohn auf den Enkel, womit sich die Schachtradition der Schmidt-Familie als weit zurückreichend offenbart hat.

Die im Buch niedergelegten Inhalte beruhen ersichtlich auf akribischen und langwierigen Recherchen, u.a. haben sich einige hervorragende baltische Suchplattformen im Web als sehr hilfreich erwiesen. Als weitere glückliche Begebenheit mag angeführt werden, dass Michael Negele 2016 in Wijk aan Zee den estnischen Schachtrainer Ervin Liebert kennenlernte. (Auch dies ist auf der KWA-Website dokumentiert, siehe www.kwabc.org/....) E. Liebert hat sich, wie in den »Acknowledgements« notiert, als "höchst geduldiger Übersetzer estnischer Quellen" um das Buch verdient gemacht.

Die drei folgenden Kapitel, die den Lebensweg von Paul Schmidt ausführlich beleuchten, sollen hier lediglich aufgezählt werden. Insgesamt scheinen mir ihre Inhalte zu vielschichtig und verwickelt, um einer kurzen Zusammenfassung zugänglich zu sein:

  •   »Der Wettstreit der beiden Pauls (1916-1939) Kindheit und Jugend zwischen zwei Welten«
      »A Fight for Supremacy (1916-1939) Childhood and Youth between Two Worlds«
  •   »Duell mit einem Freund (1940-1945) Soldat der Wehrmacht und Schachmeister Großdeutschlands«
      »Duel with a Friend (1940-1945) Soldier of the Wehrmacht; Chess Champion of Greater Germany«
  •   »Auf 64 Feldern nicht zu unterscheiden (1946-1984) Schachmeister oder Pionier der Halbleiter-Technik«
      »Indistinguishable on 64 Squares (1946-1984) Chess Champion or Pioneer of Semiconductor Technology«

Ist an dieser Stelle im deutschen Teil die biografische Darstellung beendet, so schließt sich im englischen Teil noch ein Beitrag aus der Feder von Regina Magacs an: In »From Chess Board to Periodic Table Dr. Schmidt Goes to America« gibt die Autorin ihre persönlichen Erinnerungen und Eindrücke seit der Emigration in die USA wieder. Somit eine Familiengeschichte "aus erster Hand", die die Authentizität verbreitet, die einer Biografie besonders zuträglich ist. (Eine großzügige Leseprobe, die neben Vorwort und Einleitung auch dieses Kapitel einschließt, ist auf der Website des Schachclubs Bayer Leverkusen verlinkt: www.schachclub-bayer-leverkusen.de/....)

Das Kapitel »Schmidt Documents & Family Tree« zeigt weitere Fotos sowie einzigartige Dokumente zur Schmidt-Familie. Der abschließende Anhang des Buchs bietet eine Tabelle über Schmidts Turnier- und Matchergebnisse (Paul Schmidt’s Career Record) sowie je ein Register der Abbildungen und der Personen, Orte und ausgewählten Schlüsselwörter (Index of Illustrations; Index of Persons, Places and Selected Keywords).

Was die Übersetzung der deutschen Kapitel ins Englische betrifft, so ist diese von Regina Magacs umsichtig und geschickt durchgeführt worden. Insbesondere hat sie in Betracht gezogen, dass die oft komplexen Satzgefüge im deutschen Text die internationale Leserschaft wenig begeistern würden. Darum hat sie diese Strukturen weithin aufgelöst, d.h. den Textfluss durch Bildung kürzerer Sätze verbessert, ohne dabei Inhalte zu verändern. Soweit ich dies als "non-native speaker" beurteilen kann, hat sie die Aufgabe vorzüglich gemeistert.

Der omnipräsente Fehlerteufel hat auch dieses Buch nicht völlig verschont, bislang sind allerdings nur wenige Unstimmigkeiten ans Licht gekommen:

  •   Der Schachspieler H. Elsas wurde konsequent fehlerhaft als "Elsass" notiert.
  •   Eine falsche Fußnotenziffer (87 statt 99) taucht in der Bildlegende auf S. 196 auf.
  •   In der Fußnote 3 auf S. 271 muss es "position" statt "poision" heißen.
  •   Auf S. 295 sind die Seitenhinweise zu Schmidts Version über Aljechins Geschichte fehlerhaft, richtig sind S. 248 (statt S. 284) und p. 106 (statt p. 281).
  •   Im durchaus üppigen Index finden sich vereinzelt Unstimmigkeiten, die offenbar durch verschobene Zeilen oder Seiten verursacht wurden.

Für ein Werk dieses Inhalts und Umfangs halte ich die Fehlerquote für äußerst gering.

Ein kurzes Fazit: Auf 320 Seiten wird eine exzellent recherchierte Familiensaga präsentiert, garniert mit 185 überwiegend einmaligen Abbildungen und bereichert durch die persönlichen Schilderungen einer Familienangehörigen. Im Verein mit der attraktiven Ausstattung und Gestaltung ist eine faszinierende Publikation entstanden, für die ich nur eine warme Empfehlung aussprechen kann.


Meerbusch, im Juni/Juli 2017

Eine englische Fassung der vorstehenden Rezension (in der Übersetzung von Eva Regina Magacs) findet sich auf der KWA-Website.



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